Haltung

© Gerhard Glück "Passt nicht zu meinem neuen Zuhause"
Als Postkarte erhältlich bei Inkognito, Berlin, www.inkognito.de

Es gibt viele Arten an Architektur heran zu gehen, wahrscheinlich so viele wie es Architekten gibt. Es gibt die Macher, denen es vorrangig darum geht, dass ein Gebäude funktional und technisch funktioniert, es gibt die Anhänger verschiedener Schulen wie Modernisten, Dekonstruktivisten, Post- und Postpost­moderne und die nicht wenigen, die sich an Vorbildern orientieren. Jede dieser Arten Architektur zu betreiben hat ihre Berechtigung.

Ich stelle fest, dass bei meinen Entwürfen bestimmte Motive und Präferenzen immer wieder auftauchen – das Spiel mit traditionellen Bauelementen, eine Tendenz hin zum Massiven, zum Konstruktiven und zu bewegten Formen. Zu Verständlich- und Figürlichkeit, zu Kontrast und Differenz, mitunter auch Witz. Und nicht zuletzt Schönheit und Sinnlichkeit. Gleichwohl ist mir ein gewisses Mass an Verfremdung wichtig, um Spannung und nicht simplen Retrolook zu erzeugen.

Materialität und Konstruktion, Bauplatz und Region, Klima und allen voran der Nutzer nehmen bei der Planung meiner Projekte eine zentrale Rolle ein. Insbesondere konstruktive und tragwerks­planerische Anforderungen werden als Chance zur Formfindung aufgefasst. Sie können zu harmonischen Formen führen, dies ist in der Natur nicht anders als in der Architektur.

Skelett der Kieselalge

Erst Stahlbeton und Stahl ermöglichen es, Architektur von Konstruktion zu entkoppeln und unter enormer Aufwendung von Material und Energie das Unmögliche möglich zu machen. Ziemlich unelegant.

Ich bevorzuge natürliche Baustoffe wie Holz, Ziegel, Lehm und Naturstein, da diese leichter zu gewinnen und entsorgen sind, als künstlich erzeugte Baustoffe. Darüber hinaus betrachte ich es als klug und elegant mit Stoffen zu arbeiten, die sich seit Jahr­tausenden bewährt haben und problem­los wieder in den Kreislauf der Natur zurück­geführt werden können. Wer je Sanierungen durch­geführt hat, der weiß, dass viele natürliche Baustoffe synthetischen überlegen sind, in gesundheit­lichen Belangen ebenso wie in der Wider­stands­fähigkeit. Wo notwendig, setze ich allerdings auch moderne Baustoffe wie Stahlbeton, Hochdruck­schicht­stoff­platten etc. ein. Da Baumaterial und Konstruktion einander bedingen, ergibt sich aus der oben beschriebenen Material­präferenz eine Tendenz hin zu Schalen, Gewölben und Bogen­konstruktionen.

Windturm in der iranischen Wüstenstadt Yazd

Gute Gebäude­planung ermöglicht die weitgehende Redu­zierung von technischer Gebäude­ausrüstung. Technik ist teuer, reparatur­anfällig und verbraucht Energie. Ein High­tech-Gebäude, das nicht funktioniert, ist nicht elegant. Elegant aber ist ein vor Jahr­hunderten errichtetes Lehm­gebäude in einer Wüsten­region, dessen Wind­turm ohne Energie­verbrauch mit erd­gekühlter Luft kühlt. Elegant ist ein Berg­bauern­hof, der mit seiner zur Sonne ausgerichteten Massiv­holz­fassade auch in Unkenntnis des Wortes von der passiven Solar­energie diese nutzt.

Bergbauernhof in Osttirol

Natürlich lässt sich das nicht immer eins zu eins auf heutige Gebäude übertragen. Wenn aber der Bauherr den Weg der technischen Reduzierung mitgeht, sind auf diese Art und Weise nicht nur Kosten zu sparen, es kann auch ein hoher Grad an Eleganz erreicht werden. Als Vorbild sei hier das Bürogebäude 2226 von den österreichischen Architekten Baumschlager Eberle genannt, das mit dem uralten Konzept dicker speicherfähiger Ziegel­außen­wände und einem Minimum an Technik ein Nullenergiehaus darstellt.

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